Meine Perspektive

Aus der Schüttgut & Prozess 3/2026

Innovation entsteht nicht im Elfenbeinturm, sondern in der Gemeinschaft

So oder ähnlich hätte die Überschrift des vergangenen DSIV-Fachstammtischs heißen können. Dr. Michael Ostendorf (Bayer AG) gab spannende Einblicke in Projekte der industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) im Umfeld der Forschungsgesellschaft Verfahrenstechnik e.V. (GVT), die gezielt verfahrenstechnische Themen aus der Industrie in staatlich geförderte Projekte überführt.

Filterrückspülung bei Trockenfiltern: Sequenz des Kuchenabwurfs eines Filterkuchens durch Gasrückspülung innerhalb von 0,22 Sekunden aus Schüttgut & Prozess

Filterrückspülung

Im Projekt „18591 N – Ablösung feinstkörniger dünner Partikelschichten von Filtermedien durch Rückspülung“ wurde untersucht, wie Filterkuchen bei Kerzen- und Blattfiltern zuverlässig abgelöst werden können. Entscheidend bei Trockenfiltern sind nicht nur Druck, sondern Impuls, Kuchendicke und Gewebeverhalten. Das Projekt zeigt, wie Gasrückspülung gezielt und effizient eingesetzt werden kann, wenn sie nicht über Druck, sondern über Impuls und Gewebeverhalten ausgelegt wird. Dafür wurden spezielle Laboranlagen aufgebaut, der Abwurfprozess experimentell beobachtet und auf die wirkenden Kräfte zwischen Filtermedium, Filterkuchen und Rückspülstrom zurückgeführt (s. Abb. 1).

Modellsilo zur Untersuchung von Silovibrationen mit beschrifteten Bauteilen wie Pneumatikzylinder, Zellendeckel, Schubkurbel und Spindeltrieb
Abbildung 2: Schema des entwickelten Modellsilos für Projekt „16244 BR: Einfluss des Slip-Stick-Effects bei der Wandreibung von Schüttgütern auf Silovibrationen“. Quelle: Abschlussbericht IGF Projekt 16244 BR

Staubentstehung und -Bekämpfung

Das Projekt „21821 N1– Gekoppelte Betrachtung von Staubfreisetzung und -abscheidung von grobdispersen Schüttgütern mit elektrostatisch geladenem Wasser aus Sprühdüsensystemen“ liefert belastbare Antworten darauf, wo Staub beim Schüttgutumschlag tatsächlich entsteht – und wo Gegenmaßnahmen wirtschaftlich sinnvoll sind. Unternehmen vermeiden damit Fehlinvestitionen und reduzieren Wasser und Energieeinsatz. Das Projekt basiert auf industrienahen Versuchen in
einem speziell erweiterten Windkanal mit realem Förderbandabwurf (s. Abb. 3).

So unterschiedlich die Projekte sind – sie verfolgen ein gemeinsames Ziel: konkrete Lösungen für reale Herausforderungen der Industrie finden und Anstoß für Neu- und Weiterentwicklungen in den Firmen sein.

Und genau hier liegt die Chance für uns: die IGF lebt davon, dass Unternehmen ihre Fragestellungen einbringen. Die besten Ideen entstehen dort, wo praktische Erfahrung auf Forschungwillen trifft.

Haben Sie, lieber Leser, ein Thema das bisher ungelöst ist? Eine Herausforderung aus Ihrem Alltag, die womöglich viele betrifft? Wir vom DSIV wollen mit dem GVT enger kooperieren und planen unter anderem einen gemeinsamen Workshop, um genau solche Themen aufzunehmen, zu priorisieren und in neue Forschungsprojekte zu überführen. Bringen Sie Ihre Perspektive ein und gestalten Sie zukünftige Entwicklungen aktiv mit.

Forschung ist kein Selbstzweck – sie ist die Grundlage für Qualität, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit unserer Branche.

Windkanal für Staubfreisetzung und Staubabscheidung bei Schüttgütern mit erweitertem Versuchsaufbau und Förderbandabwurf
Abbildung 3: Genutzter und erweiterter Windkanal mit Aufbauten für Staubfreisetzung und Staubabscheidung. Quelle: Abschlussbericht IGF Projekt 21821 N1

Ist Ihr Interesse geweckt? Alle vom GVT betreuten IGF-Projekte finden sich auf der GVT-Homepage (gvt. org/forschungsprojekte.html). Die Abschlussberichte sind online über die Technische Informationsbibliothek (tib.eu) verfügbar.

Dr.-Ing. Jan-Philipp Fürstenau

Der Autor unserer Schüttgut-Kolumne ist Dr.-Ing. Jan-Philipp Fürstenau.
Als Application Engineer Ansys Rocky bei der CADFEM Germany GmbH beschäftigt er sich primär im Rahmen der Partikelsimulation mit Fragen der Verfahrens- und Schüttguttechnik.

Zum Firmenprofil

Artikel teilen