Make Schüttgut Great Again

Fragt man Studienanfänger nach ihren Berufswünschen, fallen meist Begriffe wie Robotik, künstliche Intelligenz, Wasserstofftechnologie oder erneuerbare Energien. Kaum jemand sagt jedoch: „Ich möchte mich mit Schüttgütern beschäftigen.“

Dabei begegnen uns Schüttgüter überall: in Lebensmitteln, Chemieprodukten, Baustoffen, Pharmawirkstoffen, Batterierohstoffen oder Recyclingmaterialien. Ganze Industriezweige basieren darauf, Pulver und Granulate sicher zu verarbeiten, zu lagern und zu transportieren.

Paradoxerweise wächst ihre Bedeutung, während das Fachwissen an Hochschulen schwindet. Professuren werden nicht nachbesetzt, Lehrveranstaltungen reduziert und die Schüttgutverfahrenstechnik spielt vielerorts nur noch eine Nebenrolle. Für uns als DSIV ist das alarmierend. Denn ohne Wissen entsteht kein Interesse und ohne Interesse fehlt langfristig der Nachwuchs. Dabei ist die Welt der Schüttgüter voller faszinierender Fragen: Warum verhält sich ein Pulver mal wie eine Flüssigkeit, mal wie ein Festkörper? Warum „erinnert“ sich ein Schüttgut an seine Belastungsgeschichte? Und warum ist ein Silo weit mehr als nur eine „langweilige Dose“?

Genau diese Faszination möchten wir wieder stärker in die Hörsäle bringen. Deshalb entwickelt der DSIV derzeit ein Konzept für mobile Gastvorlesungen. Praxisnahe Experimente und Anschauungsmaterialien sollen Studierende für die Schüttguttechnik begeistern.

Anstatt nur Folien zu zeigen, sollen die Zuhörer die Phänomene selbst erleben und anhand realer Beispiele aus der Industrie erkennen, welche Folgen ein falscher Umgang mit Schüttgütern haben kann. Kernfluss und Massenfluss werden sichtbar, Haftkräfte begreifbar und Zeitverfestigung direkt beobachtbar. Reale Schadensfälle zeigen eindrucksvoll, warum das Verständnis von Schüttgütern keineswegs ein akademisches Randthema ist.

Die Veranstaltung kann flexibel in bestehende Lehrveranstaltungen integriert oder als eigenständiger Block durchgeführt werden. Für die Bildungseinrichtungen entsteht kaum organisatorischer Aufwand, die Studierenden erhalten Einblicke in reale industrielle Fragestellungen, und die Industrie hat die Chance, ihr Fachgebiet den Fachkräften von morgen näherzubringen.

Dabei wollen wir auf drei Säulen aufbauen:

1. Praktische Versuche sollen Phänomene verdeutlichen, etwa den in Abbildung 1  gezeigten Durchdrückversuch, bei dem eine Folie am Ende eines Rohres genügend Gegendruck erzeugt, dass selbst ein Erwachsener sie nicht von oben durchstoßen kann.

Fünfteilige Bildfolge eines Schüttgutversuchs mit einem Rohr mit Folienboden, das leer durchstoßen werden kann und mit Sandfüllung auf einer Küchenwaage dem eindringenden Stab standhält
Abbildung 1: Schüttgutversuch zur Visualisierung der Janssen-Gleichung: Während der Folien- boden eines leeren Rohres leicht durch- stoßen werden kann (b), trägt er mit 1,5 kg Sand (c) und leichter Verdichtung durch auf- stampfen (d) den ein- dringenden Stab (e).

2. Praxisbeispiele aus der Industrie sollen zeigen, welche Probleme aus dem Schüttgutverhalten entstehen können, beispielsweise Förderleitungsblockaden, Schießen oder Hammermarken an Silos.

3. Schüttgutcharakterisierung soll verdeutlichen, dass es sich nicht um das „Mysterium Schüttgut“ handelt, sondern dass Risiken erkannt und beherrscht werden können.

Darüber hinaus möchte ich auch gerne Simulation als Werkzeug einfließen lassen, mit deren Hilfe wir auch unter die Schüttgutoberfläche blicken und Phänomene wie die Janssen-Gleichung aus dem genannten Versuch sichtbar machen können. So lässt sich zeigen, wie sich die Vertikalkraftverteilung auf die Wand durch den Stab verändert (siehe Abb. 2).

Simulationsgrafik mit farbig dargestellter Kraftverteilung in einem gefüllten Rohr und zwei Diagrammen der Vertikalkraft an der Wand über die Höhe, einmal für lose Schüttung und einmal mit eingedrungenem Stab
Abbildung 2: Simulation des Schütt- gutversuchs aus Abb. 1: a) Kraftverteilung durch den eindringenden Stab; b) Vertikalkraftverteilung in der Wand bei 1,5 kg Sand; c) Vertikalkraftverteilung mit eingedrungenem Stab. Die Bodenkraft steigt von 2,7 N auf 3,8 N.

Zur POWTECH TECHNOPHARM 2026 stellen wir erstmals einen Flyer und das Grundkonzept dieser Gastvorlesung vor. Wir möchten mit Professoren, Lehrkräften, Hochschulmitarbeitern, Studierenden und Industrievertretern ins Gespräch kommen. Wo sehen Sie Chancen? Welche Inhalte fehlen? Welche Experimente würden Begeisterung wecken? Welche Einrichtungen sollten wir unbedingt ansprechen? Denn die Zukunft der Schüttguttechnik entscheidet sich nicht nur in Entwicklungsabteilungen und auf Messen. Sie entscheidet sich vor allem dort, wo junge Menschen erstmals mit unserem Fachgebiet in Berührung kommen.

Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass die Schüttgutverfahrenstechnik wieder sichtbarer wird.

Ich freue mich auf Ihr Feedback zum Konzept und Ihre Ideen, wie wir die nächste Generation für die faszinierende Welt der Schüttgüter begeistern können. Sprechen Sie uns auf der POWTECH an oder kontaktieren Sie mich direkt: jpfuerstenau@cadfem.de

 

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