Wartung nach Zustand statt nach Gefühl

Wie Zustandsdaten aus Förderanlagen zu klaren Prioritäten für die Instandhaltung werden

Aus der Schüttgut & Prozess 5/2026

Autor: Phillip-Michael Stampfer

Stillstände in Förderanlagen kommen selten völlig ohne Vorzeichen. Veränderte Schwingungen, steigende Temperaturen, Abweichungen bei Drehzahl oder Stromaufnahme können bereits früh darauf hinweisen, dass sich der Zustand einer Komponente verändert. Im laufenden Betrieb bleiben solche Entwicklungen jedoch häufig lange unbemerkt – bis aus einer kleinen Abweichung eine kritische Störung wird.

Schwarzer ASKIRA-Vibrationssensor auf einem blauen Stehlager an einer türkisfarbenen Förderanlage

Für Instandhaltungsteams bedeutet das oftmals ungeplante Einsätze unter hohem Zeitdruck. Gleichzeitig stehen viele Betriebe vor der Herausforderung, mit knappen personellen Ressourcen eine hohe Anlagenverfügbarkeit und Liefertreue sicherzustellen. Genau hier setzt die zustandsbasierte Instandhaltung an: Wartungsentscheidungen sollen nicht allein nach festen Intervallen oder Erfahrungswerten getroffen werden, sondern auf Grundlage des tatsächlichen Anlagenzustands.

Viele Daten – aber welche sind wirklich relevant?

Sensorik und Condition Monitoring sind in industriellen Anlagen längst keine Neuheit mehr. Temperatur, Vibration, Drehzahl, Motorstrom und Prozesswerte können heute vergleichsweise einfach erfasst werden.

Die Herausforderung beginnt jedoch nach der Messung. Einzelne Werte oder Grenzwertalarme beantworten noch nicht die entscheidenden Fragen der Instandhaltung: Welche Veränderung ist tatsächlich kritisch? Welche Komponente sollte zuerst geprüft werden? Und wo kann eine Wartungsmaßnahme noch bis zum nächsten geplanten Wartungsfenster warten?

ASKIRA-Dashboard einer Förderstrecke mit Verfügbarkeit, Risiko-Score, Trendverlauf und Handlungsempfehlungen
Zustandsindex und Risiko-Score schaffen Transparenz über kritische Komponenten und unterstützen die Priorisierung von Wartungsmaßnahmen (Bild: Anlagenbau Stampfer GmbH)

Aus Anlagenbau-Erfahrung entstand ASKIRA

ASKIRA ist ein datenbasiertes Frühwarnsystem für Förderanlagen. Die Idee dazu entstand aus der täglichen Praxis bei Anlagenbau Stampfer. Phillip-Michael Stampfer ist mit Fördertechnik und Sonderanlagenbau aufgewachsen und beschäftigte sich zunehmend mit der Frage, wie sich der tatsächliche Zustand einer Anlage frühzeitig sichtbar machen lässt.

Denn auch eine Förderanlage besitzt gewissermaßen einen „Puls“: Vibrationen, Temperaturen, Drehzahlen oder die Stromaufnahme verändern sich, wenn sich ihr Zustand verändert. Genau diese Signale können wertvolle Frühindikatoren liefern – vorausgesetzt, sie werden kontinuierlich erfasst, miteinander in Zusammenhang gebracht und richtig bewertet.

Aus diesem Gedanken entstand ASKIRA: jahrzehntelange AnlagenbauErfahrung, verbunden mit moderner Sensorik und datenbasierter Zustandsbewertung.

Ziel war von Beginn an nicht weitere Messwerte bereitzustellen, sondern der Instandhaltung dabei zu helfen, Veränderungen früh zu erkennen und Wartung vorausschauender zu planen.

Von Messwerten zu Frühindikatoren

Welche Messgrößen betrachtet werden, hängt von der jeweiligen Anlage und den kritischen Komponenten ab. Möglich sind beispielsweise Vibration, Temperatur, Drehzahl, Stromaufnahme, Abstand oder Druck.

Entscheidend ist dabei nicht ausschließlich die Überschreitung eines festen Grenzwertes. Auch schleichende Veränderungen können wertvolle Frühindikatoren liefern.

Verändert sich beispielsweise das Schwingungsverhalten eines Lagers kontinuierlich oder steigt dessen Temperatur über einen längeren Zeitraum an, kann dies auf einen sich entwickelnden Verschleiß hinweisen. Solche Trendverläufe, Abweichungen und Drifts werden sichtbar gemacht und in die Zustandsbewertung einbezogen.

Damit entsteht aus einzelnen Messwerten ein Gesamtbild über den Zustand eines Aggregats, einer Anlage oder einer kompletten Förderstrecke.

Drei ASKIRA-Sensoren, zwei petrolgrüne und ein schwarzer, vor weißem Hintergrund
Sensoren erfassen relevante Zustands- größen direkt an der Förderanlage. Über ein IoT-Gateway werden die Daten zentral übertragen und für die weitere Bewertung zusammengeführt. (Bild: Anlagenbau Stampfer GmbH)

Priorisieren statt Alarmflut

Für die betriebliche Praxis ist entscheidend, dass zusätzliche Sensorik nicht zu einer zusätzlichen Flut von Meldungen führt.

ASKIRA verdichtet die erfassten Informationen deshalb zu nachvollziehbaren Risiko-Scores beziehungsweise Zustandsindizes. Anlagen und Komponenten lassen sich in einer Risikokarte übersichtlich darstellen. So wird erkennbar, wo aktuell die größten Risiken bestehen und welche Maßnahmen zuerst erforderlich sind. Die Instandhaltung erhält damit nicht nur die Information, dass sich ein Messwert verändert hat. Sie erkennt, wo ein Risiko entsteht, welche Komponente betroffen ist und wo Handlungsbedarf besteht.

Das Ziel ist eine konkrete Entscheidungshilfe für den Arbeitsalltag: Welche Komponente sollte kontrolliert werden? Welche Entwicklung sollte weiter beobachtet werden? Welche Maßnahme sollte für das nächste Wartungsfenster vorgesehen werden?

Aus Zustandsdaten entstehen damit klare Prioritäten und ein Maßnahmenplan.

Fördertechnik als Ausgangspunkt

ASKIRA wurde zunächst speziell für die Anforderungen der Förder- und Schüttguttechnik entwickelt. Dazu gehören beispielsweise Becherwerke, Schneckenförderer, Trogkettenförderer und Förderbänder sowie deren Antriebe und Lagerungen.

Der Hintergrund ist bewusst praxisnah: Gerade Förderanlagen sind häufig zentrale Verbindungen innerhalb eines Produktionsprozesses. Fällt eine Förderstrecke aus, können vor- oder nach6 gelagerte Prozessschritte ebenfalls zum Stillstand kommen.

Gleichzeitig befinden sich in vielen Betrieben Förderanlagen, die bereits seit Jahren zuverlässig arbeiten und nicht vollständig digitalisiert sind. Zustandsüberwachung muss deshalb auch für Bestandsanlagen praktikabel sein.

Durch den modularen Aufbau kann die Sensorik abhängig von Anlage und Aufgabenstellung nachgerüstet werden. Damit lässt sich Predictive Maintenance schrittweise einführen, ohne eine bestehende Förderanlage ersetzen zu müssen.

Wartung gezielter planen

Der wirtschaftliche Nutzen entsteht nicht durch die Menge der gesammelten Daten, sondern durch bessere Wartungsentscheidungen.

Wer eine kritische Entwicklung früh erkennt, kann Personal, Ersatzteile und Wartungsfenster gezielter planen. Bauteile müssen weder vorsorglich deutlich zu früh ausgetauscht noch bis zum Folgeschaden betrieben werden.

Zustandsbasierte Instandhaltung kann damit dazu beitragen, ungeplante Stillstände zu reduzieren, die Verfügbarkeit zu erhöhen und Instandhaltungsteams zu entlasten. Gleichzeitig entsteht mehr Planungssicherheit für Produktion und Betrieb.

Predictive Maintenance bedeutet dabei ausdrücklich nicht, jeden zukünftigen Defekt exakt vorherzusagen. Es geht vielmehr darum, messbare Veränderungen rechtzeitig zu erkennen und daraus nachvollziehbare Entscheidungen abzuleiten.

Über die Fördertechnik hinaus

Die Fördertechnik bildet für ASKIRA den Ausgangspunkt, nicht jedoch zwangsläufig die Grenze.

Das zugrunde liegende Prinzip lässt sich grundsätzlich auch auf weitere Produktionsanlagen übertragen. Voraussetzung ist, dass kritische Komponenten Zustandsgrößen besitzen, deren Veränderungen als Frühindikatoren erfasst und bewertet werden können.

Damit kann aus einem Frühwarnsystem für Förderanlagen perspektivisch eine übergreifende Zustandsüberwachung für unterschiedliche Produktionsbereiche entstehen. Maschinen und Aggregate lassen sich schrittweise in eine gemeinsame Risikobetrachtung integrieren.

Für die Instandhaltung rückt damit eine zentrale Frage in den Fokus: Wo besteht aktuell der größte Handlungsbedarf?

Die Antwort liefern nicht mehr Bauchgefühl oder die lauteste Alarmmeldung, sondern Zustandsdaten, Trendverläufe und nachvollziehbare Prioritäten.

Fazit

ASKIRA ist ein datenbasiertes Frühwarnsystem für Förderanlagen. Zustandsdaten wie Vibration, TemperaAusgabe 5/2026 tur, Drehzahl oder Stromaufnahme werden erfasst, zentral ausgewertet und zu Risiko-Scores, Trendverläufen und Handlungsempfehlungen verdichtet. Das System ist modular aufgebaut und sowohl für bestehende als auch für neue Förderanlagen einsetzbar.

Über Anlagenbau Stampfer

Die Anlagenbau Stampfer GmbH in Haan ist ein inhabergeführtes Familienunternehmen in dritter Generation. Sie entwickelt und fertigt individuelle mechanische und pneumatische Förderanlagen, auch für abrasive, korrosive oder staubexplosive Schüttgüter. Das Leistungsspektrum reicht von der Planung über Fertigung und Montage bis zur Inbetriebnahme sowie Wartung, Modernisierung und vorausschauenden Instandhaltung.

Anlagenbau Stampfer GmbH

Leichtmetallstr. 26–30

42781 Haan

Tel.: +49 (0)2104 6919-23

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