Strategische Neuausrichtung
IND.EX® e. V. stärkt internationale Ausrichtung und fördert Wissenstransfer im Explosionsschutz
Aus der Schüttgut & Prozess 6/2025
Der Verband IND.EX® e. V. stellt sich im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung zukunftsfähig auf. Ziel ist es, die Arbeit des Verbandes noch stärker auf die Bedürfnisse der internationalen Prozessindustrie auszurichten und den Wissenstransfer im Bereich des Explosionsschutzes weiter zu fördern. Im Gespräch mit fire + explosion erläutern Dr. Johannes Lottermann, Präsident von IND.EX® e. V., und Aleksandar Agatonovic, Mitglied des Vorstands, die Hintergründe der Neuausrichtung und geben einen Einblick in die zukünftigen Schwerpunkte des Verbandes.
fire+explosion: Herr Dr. Lottermann, Sie haben die Präsidentschaft von IND.EX® e. V. übernommen. Was un- terscheidet den heutigen Kurs von den früheren Phasen des Vereins?
Dr. Johannes Lottermann: Jede Phase unseres Vereins hatte eine klare Bedeutung. Unter unserem Gründungspräsidenten Stefan Penno ging es zunächst darum, Sichtbarkeit aufzubauen. Veranstaltungen wie die IND.EX® Safety Congresses und Schulungen waren prägend, um Wissen in die Welt zu tragen und IND.EX® überhaupt bekannt zu machen. Während der Amtszeit von Richard Siwek verschoben sich die Schwerpunkte stärker in die vertiefte Forschung und technologische Weiterentwicklung. In dieser Zeit entstanden Tools wie ExTools, TS-Tools und unsere e-Learning-Plattformen. Das war essenziell, um Explosionsschutz praktisch anwendbar und digital zugänglich zu machen. Gleichzeitig war diese Arbeit stark im Hintergrund – deshalb nahm man die Aktivitäten von außen vielleicht weniger laut wahr. Wir knüpfen nun genau an dieser Kombination an: Forschung, Praxis, Sichtbarkeit zugleich modern, zugänglich und nah an den tatsächlichen Herausforderungen in Betrieben.
fire+explosion: Herr Agatonovic, was bedeutet diese Neuausrichtung ganz grundsätzlich für den Verein?
Aleksandar Agatonovic: Wir sehen IND.EX® weiterhin als neutrale Plattform für alle, die mit industrieller Staubexplosionsgefahr arbeiten – Hersteller, Betreiber, Behörden, Forschung. Wir wollen Verbindungen schaffen, nicht Grenzen ziehen. Die Vereinsarbeit bleibt ehrenamtlich. Aber sie wird sichtbarer. Wir haben ein neues Logo, einen neuen Auftritt und eine klare Mission: Safety. Science. Expertise. Wir möchten den Status quo hinterfragen und gleichzeitig verschiedene Perspektiven konstruktiv zusammenbringen. Explosionsschutz entwickelt sich nur dann weiter, wenn alle gemeinsam daran arbeiten.
fire+explosion: Herr Dr. Lottermann, Sie sprechen vom „Challenging the Status Quo“. Was genau meinen Sie?
Dr. Johannes Lottermann: In der industriellen Realität verändern sich Produkte, Prozesse und Technologien permanent. Viele normative Grundlagen und Standardwerke des Explosionsschutzes stammen jedoch in wesentlichen Teilen aus dem letzten Jahrhundert. Das bedeutet: Wir tun heute vieles so, wie wir es „schon immer“ getan haben – ohne es vor dem Hintergrund aktueller Erkenntnisse wirklich zu überprüfen. Die Frage lautet: Wissen wir wirklich schon alles? Unsere Antwort ist klar: Nein. Deshalb treiben wir angewandte Forschung voran, wie jüngst großmaßstäbliche Untersuchungen zur Geometrie von Explosionsdruckentlastungen und deren Effizienz. Wir wollen Orientierung schaffen, wo in Betrieben echte Fragen entstehen – nicht nur Normen zitieren.
fire+explosion: Sie sprechen von neuen Formaten wie EXchange, POwDCAST und POWfunding. Was steckt dahinter? Sicherheitsforschung zu unterstützen, die ohne eine solche Förderung schlicht nicht stattfinden würde. Es geht also darum, Explosionsschutz nicht nur zu verwalten, sondern aktiv weiterzuentwickeln.
Dr. Johannes Lottermann: EXchange wird unsere neutrale Dialogplattform – für Betreiber, Wissenschaft, Hersteller und Behörden. Ein Raum, in dem nicht Verkaufsinteressen, sondern Erkenntnisinteressen im Vordergrund stehen. POwDCAST ermöglicht Gespräche mit Expertinnen und Experten über das, was zwischen den Zeilen der Regelwerke steht – dort, wo Entscheidungen in der Praxis wirklich getroffen werden. POWfunding nutzt Mitgliedsbeiträge, um angewandte Sicherheitsforschung zu unterstützen, die ohne eine solche Förderung schlicht nicht stattfinden würde. Es geht also darum, Explosionsschutz nicht nur zu verwalten, sondern aktiv weiterzuentwickeln.
fire+explosion: Welches langfristige Ziel verfolgt IND.EX® damit?
Aleksandar Agatonovic: Wir wollen, dass das IND.EX®-Logo als unabhängiges Gütesiegel für neutrale, wissenschaftlich fundierte Explosionsschutzkompetenz wahrgenommen wird.
Dr. Johannes Lottermann: Genau. Viele Kennzeichnungen – ob ATEX, CCC oder UKCA – tragen auch politische oder wirtschaftliche Interessen in sich. Wir hingegen vereinen im Verein Marktbegleiter und Wettbewerber an einem Tisch, ohne Verkaufsmandat. Das schafft die beste Marktaufsicht, weil es Schwarmintelligenz statt Einzelinteressen nutzt. Explosionsschutz folgt Naturgesetzen, nicht geopolitischen Grenzen. Und wir möchten das sichtbar machen.
fire+explosion: Vielen Dank für das Gespräch.
Über IND.EX®
Die Organisation IND.EX® (Intercontinental Association of Experts for INDustrial EXplosion Protection e. V.) wurde 2009 in Frankfurt am Main gegründet. IND.EX® besteht heute aus 55 Mitgliedern und ist seit seiner Gründung kontinuierlich gewachsen. IND.EX® arbeitet mit Top-Experten für Explosions- und Brandschutz aus der ganzen Welt zusammen. Die Mitglieder kommen aus unterschiedlichen beruflichen Hintergründen wie Anlagenbauern, Sicherheitsberatern, Geräteherstellern, Dienstleistern und Universitäten. Explosionen sowie Brände können in verschiedenen Produktionsprozessen auftreten, bei denen die Kombination aus einer Zündquelle, Sauerstoff, Staub und/oder Gas vorliegt.
